Vom Leben und Sterben und der räumlichen Distanz

Geschätzte Lesedauer: 4:30 Minuten

 

Wenn man mit Anfang 20 in die Adoleszenz kommt (das ist die Phase nachdem die Pubertät endlich überstanden ist und die Eltern wieder erträglich werden), dann fühlt man sich meist als „fertiger Erwachsener“. Die Welt steht einem offen, nein liegt einem zu Füßen, man fühlt sich frei und mächtig und abenteuerlustig. Manche junge Menschen fühlen sich dann auch etwas überheblich und altklug und denken, sie würden natürlich ausnahmslos alles viel besser machen als die Alten vor ihnen, aber darum geht es hier nicht.

Worauf ich hinaus will ist ein Punkt, den viele Menschen in ihren jungen Jahren verspüren, wenn auch unbewusst: Unsterblichkeit.

Man denkt das ganz lange Leben liegt noch vor einem und man hat ewig Zeit.

Zeit, um alles in dieses Leben hinein zu packen, auszuprobieren und es voll auszukosten. Und das ist auch schön und richtig so, dieses Gefühl dass der Tod noch so weit weg ist, dass man nicht einmal an ihn denken müsste.

Wer aber geliebte Gefährten verliert verspürt spätestens dann das Gefühl der Sterblichkeit, der Endlichkeit des Lebens. Besonders hart trifft dies junge Menschen; es fühlt sich nicht fair an, so früh schon an solche Dinge denken und sie spüren zu müssen, aber das Leben und vor allem der Tod behandelt uns alle gleich und nimmt keine Rücksicht.

Letztes Jahr war ich mit dabei, als ein geliebter Menschen verabschiedet wurde. Und eines ist immer wieder erstaunlich: fast egal wie alt dieser Mensch war, man hat meist das Gefühl „es war zu früh“. Ob dies nun daran liegt dass wir gerne noch mehr Zeit miteinander verbracht hätten oder dieser Person einfach mehr Lebenszeit auf Erden gegönnt hätten – sei es drum, das Gefühl des „zu früh gehen zu müssens“ ist nicht schön und verdammt unfair. Ähnliche Gefühle überfallen einen vielleicht beim Anblick der Nachrichten wenn man Menschen und Kinder sterben sieht, Bomben und Hass und Leid auf der Welt, und man beginnt schier zu verzweifeln und fragt sich wer dies alles zulässt.

Wie aber kann es aber sein, dass man selbst in solchen Momenten von Gefühlen wie Trauer und Wut überwältigt wird und andere Menschen zur gleichen Zeit nicht?

Nun, eine Antwort hierauf gab Funny van Dannen in seinem Lied „Die räumliche Distanz“. Wobei ich denke, das Wort „räumlich“ ist in diesem Sinne austauschbar, es geht um die Distanz, egal ob emotional oder menschlich oder räumlich oder wie auch immer. Er drückt es so aus:

„Während du lachst sind viele andere traurig
Und wenn du stirbst werden viele einen Orgasmus haben
Das hört sich schlimm an – ist es aber nicht ganz
Denn zum Glück gibt es die räumliche Distanz

Während du schläfst haben viele andere Hunger
Und während du frühstückst bringen andere sich um
Das hört sich schlimm an – ist es aber nicht ganz
Denn zum Glück gibt es die räumliche Distanz“

 

Diese Distanz von der er singt mag zunächst kalt und gefühllos klingen – aber sie ist gut, denn sie beschützt uns. Abgrenzung ist manchmal notwendig, und der fehlende Bezug zu Menschen oder Themen sorgt dafür dass wir eben nicht betroffen sind.

So ging es wohl auch den anderen Menschen am Kai, als wir auf das Schiff für die Seebestattung warteten. Einheimische beim Einkaufen, Touristen beim Shoppen, sie alle gingen um die kleine Menschentraube in schwarz herum und wer nicht wusste, welche Bootstouren hier ablegen, der wunderte sich vielleicht höchstens darüber dass hier eine Gruppe ganz in schwarz in der prallen Sonne steht.
Wir aber, die wir allesamt hierhergekommen waren um von einem geliebten Menschen Abschied zu nehmen, wir wussten alle weswegen wir dort waren und dieses Wissen hielt uns beieinander wie ein unsichtbares Band.

Nach der Seebestattung hielten wir kurz auf dem Parkplatz eines Supermarktes. Bestattung hin oder her, die weltlichen Bedürfnisse melden sich auch zu scheinbar unpassenden Zeitpunkten, und so mussten wir einfach anhalten und Getränke besorgen, wenn wir abends in der Ferienwohnung keinen Durst erleiden wollten. Wir teilten uns auf, ein paar blieben im Wagen, auch ich. Es dauerte nicht lange und ein Mann kam auf mich zu und sprach mich auf unser Kennzeichen an. Ich erklärte ihm was das Kürzel bedeutet und wo diese Stadt ungefähr liegt. Er war offensichtlich mitteilungsbedürftig und erzählte mir ungefragt alles Mögliche, dass er demnächst hierher ziehen würde weil das Amt seinen Antrag endlich bewilligt hätte, dann müsste er nur noch einmal zurück in die alte Stadt um letzte Dinge zu regeln, und dann würde er sich erstmal ein Ticket kaufen „für Mick Jagger, die sind ja bald wieder in Deutschland“. Er roch nach Alkohol und wirkte etwas ungepflegt und kam mir immer wieder einen Tick zu nahe, aber ich hörte mittlerweile sowieso nur noch mit einem Ohr zu,  denn mein kleines Kind begann im Auto unruhig zu werden. Aber auch die immer lauter werdenden kindlichen Protestrufe hielten ihn nicht davon ab, immer redseliger zu werden und meine Aufmerksamkeit zu fordern. Ich unterbrach ihn schließlich freundlich aber sehr bestimmt und erklärte, dass ich mich jetzt wieder um mein Kind kümmern müsse und wünschte ihm alles Gute. Er raunzte „Ja ja ja“ und ging davon. Kurze Zeit später lief er zu einer Hecke, beugte sich darüber und erbrach sich.

Nun, das Leben ist nicht immer gut zu uns. Was hatte ihn wohl an diesen Punkt in seinem Leben gebracht? War das wirklich der Weg gewesen, denn er hatte einschlagen wollen? Ich weiß es nicht und werde es nie erfahren, aber ich wünsche ihm eines:

Ich wünsche ihm und jedem Menschen, dass zu seiner letzten Fahrt liebe Gefährten kommen, die auch weite Wege auf sich nehmen um sich zu verabschieden. Und wenn ich schon mal dabei bin, dann kann ich auch gleich weiter ausführen, was ich mir noch wünsche: nicht zu viele Tränen, sondern auch Lachen über gute alte Zeiten, gemeinsame Geschichten und Menschen, die zusammen sitzen und an den Verstorbenen denken. Hoffentlich ist da nicht zu viel Groll, sondern mehr Verzeihen und friedliche gute Gedanken an die vergangenen Tage. Und lecker Essen und Musik.

Und ich wünsche jedem Menschen von Herzen, dass er oder sie ein Leben gelebt hat in dem die schönen Tage überwogen, man viel gelacht und geliebt und gute Gespräche geführt hat und man gute Spuren auf dieser Welt hinterlässt.

Oder, um es mit den Worten von Trude Herr aus dem gleichnamigen Lied zu sagen:

„Niemals geht man so ganz
irgendwas von mir bleibt hier
es hat seinen Platz immer bei dir.

Nie verlässt man sich ganz
irgendwas von dir geht mit
es hat seinen Platz immer bei mir.“

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